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Pilgerreise

Ich bin dann mal weg, entdecke die Pilgerreise deines Lebens

Wie Christen das Leben als Pilgerschaft verstehen können. Von Frank Vornheder für die FMG Strengelbach

Pilgern ist  «in». Immer wieder gehören in den vergangenen Jahren Bücher über Pilgerreisen zu den Bestsellern. Eine Fülle an Ratgebern und Erfahrungsliteratur steht in den Regalen und trägt zu einer Renaissance des Pilgerns bei. Auch die Touristik-Branche hat das Pilgern für sich entdeckt und bemüht sich um einen Ausbau der alten Pilgerstrecken. Aber handelt es sich wirklich um eine Renaissance ?

Gegenüber der mittelalterlichen Pilgerpraxis mit ihren konkreten, durchaus pragmatischen Motiven, haben die heutigen Pilgerreisen oft deutlich sinn-suchende und zumeist pseudo-religiöse Bedeutung. In der historischen Pilgerpraxis sind dabei andere Motive zu finden. Der Historiker und Fachmann für den Pilgerweg nach Santiago de Compostela, Klaus Herbers, schreibt darüber. Er nennt neben Erwartungen von Wundern insbesondere Heilungen von kör-perlichen und seelischen Gebrechen, als besonders starkes Motiv den Ablass und die Befreiung von Kirchenbussen und zeitlichen Sündenstrafen.

Auch entledigten sich nicht selten die Städte derjeniger Bevölkerungsgruppen, die den sozialen Frieden gefährdeten, indem sie diese auf kirchlich oder weltlich verordnete Buss- oder Strafpilgerfahrten schickten. Neben religiösen Motiven, bei denen die imitatio Christi (Nachahmung Jesu) eine massgebliche Rolle spielte, erwähnt Herbers eine Reihe ausserreligiöser Motive. Grund für manche Pilgerreise war Flucht, etwa vor der Pest, Gewinn von Sozialprestige oder ökonomische Interessen wie die Verbindung von Pilgerfahrt und Handelsreise.

Schon früh sei eine Tendenz zu verzeichnen in Richtung einer «geistlichen Pilgerfahrt», bei der es weniger auf den real bewältigten Pilgerweg angekommen sei, sondern wo spirituelle Werte im Vordergrund standen. Das Ende dieser Entwicklung ist in gewisser Weise im Ratschlag Martin Luthers zu sehen, der empfahl, lieber nicht nach Compostela zu pilgern, weil man nicht wisse, ob dort «sant Jacob oder ain todter hund oder ein todts ross da ligt, … las rai-sen, wer da will, blaib du dahaim».

Es fällt auf, dass das entscheidende Buch zum Pilgerboom der Gegenwart keine kirchliche Handschrift trägt, sondern von einem Entertainer und Komiker verfasst wurde, dem man vieles, am allerwenigsten aber einen Beststeller zum Thema Pilgerreise nach Santiago de Compostela zugetraut hätte. Hape Kerkelings Bestseller «Ich bin dann mal weg» trägt aber nicht nur einen einprägsamen Titel, der mittlerweile zum geflügelten Wort geworden ist. Er macht auf unterhaltsame und doch ernsthafte Weise deutlich, um was es heute bei diesem Thema gehen könnte.

Die Erfahrung eines biographischen Bruchs ist für Kerkeling das auslösende Moment. Irgendwo hat er gelesen, «dass Menschen sich seit vielen Jahrhunderten auf die Reise zum heiligen Jakob machen, wenn sie, wörtlich und im übertragenen Sinn, keinen anderen Weg mehr gehen können». Wie für viele Pilger steht auch für ihn die existentielle Krisenerfahrung am Anfang : «Da ich gerade einen Hörsturz und die Entfernung meiner Gallenblase hinter mir habe, ist es für mich allerhöchste Zeit zum Umdenken – Zeit für eine Pilgerreise».

Das Leben ist eine experimentelle Reise, die unfreiwillig unternommen wird. – Reisen ? Existieren ist reisen genug.
Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe
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Das geistliche Leben als Pilgerreise

Vielfach wird in der christlichen Literatur das Leben an sich als Pilgerreise – als eine Reise auf Gott zu und mit Gott dargestellt. Aus dieser Sichtweise schrieb der englische Prediger John Bunyan sein einflussreiches Werk «Pilgerreise», das die innere Entwicklung des Menschen in allegorischer Form wiedergibt. Bei ihm erscheint das ganze Leben als eine Pilgerreise. Aber ist das alles ? Als Jesus die ersten Jünger am See Genezareth berief, rief er sie ganz bewusst aus ihrem vertrauten Umfeld und Tätigkeitsfeld heraus und begann mit ihnen durch das Land zu ziehen. Er führte sie in die reale Bewegung des Gehens und immer wieder in ganz reale Ortswechsel. Als später ein Schriftgelehrter kommt und sich Jesus anschliessen will, wird dieser recht deutlich auf diesen Umstand hingewiesen :

Matthäus 8, 20 (NGÜ 2011) Jesus erwiderte:»Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann».

Und mit dieser Aussage verdeutlicht Jesus, dass es denen, die ihm nachfolgen, ebenso ergehen wird. Die Jünger waren damals permanent bei Jesus und mit ihm unterwegs. Aus diesem Grunde galt dieses Los der Heimatlosigkeit ihnen ebenso. Am Ende seines irdischen Wirkens angekommen, gab der Herr Jesus seinen Jüngern die entscheidende Weisung für ihren weiteren Dienst. In Mt 28,19 weist Jesus die Jünger an, weiterhin unterwegs zu sein und ihrerseits nun Menschen in die Jüngerschaft und Nachfolge zu rufen. Das Unterwegs-sein soll weiterhin ihr Leben bestimmen.

Zuerst jedoch sollten sie in Jerusalem auf die Erfüllung mit dem Heiligen Geist warten, um dann wieder los zu ziehen – so war die konkrete Anweisung. Jedoch verlor diese Weisung durch das grosse und schnelle Wachstum der ersten Gemeinde irgendwie an Bedeutung. Der Auftrag in alle Welt zu gehen, damit alle Menschen gerufen werden, wich einem statischem  «Vor-Ort»-Gemeindebau-Modell. Erst mit der grossen ersten Verfolgung (Apg 8,1) zerstreuten sich die Jünger gezwungenermassen in «alle Welt» und sorgten so für die Verbreitung der guten Nachricht. Der Herr liess eine Verfolgung zu und gebrauchte sie dafür, dass der letzte Auftrag Jesu umgesetzt wurde. Dieser oft genannte «Missionsbefehl» gilt uns auch heute noch.

Auch in unseren Tagen hat diese Weisung nichts von ihrer Relevanz verloren. So ist es immer noch der Wille des Herrn, dass wir uns in alle Welt aufmachen. Er möchte uns durch seinen Heiligen Geist ganz praktisch an die Hand nehmen, so dass auch wir in einer realen Bewegung unterwegs sind. Eben nicht nur auf einer persönlichen Entwicklungsreise des inneren Menschen, sondern ganz praktisch an die Orte, an denen der Herr uns benötigt. In die Begegnung mit Menschen, damit diese die Rettungs-Botschaft hören können. Pilgerschaft bedeutet für uns als Christen, unter der Leitung des Heiligen Geistes auf realen Wegen und in vom Herrn inszenierten Begegnungen mit Menschen unterwegs zu sein. Eine Pilgerschaft zur Umsetzung von Mt 28,19 : 1. Timotheus 2, 4 (NGÜ 2011) … denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen.


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