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Die Rettungshütte

Was wenn die Rettungshütte nicht mehr Rettungshütte ist?

Ein modernes Gleichnis von Frank Vornheder für die Connect Zofingen

Stell dir einmal ein wunderschönes Tal in den Bergen vor. Saftig grüne Wiesen mit Kühen, die den ganzen Tag mit den Glocken läuten, grüne Wälder und hohe Berge rundherum, die alle kleine weisse «Mützen» tragen. So richtig eine Bilderbuchkulisse, eines kleinen abgelegenen Tales in den Schweizer Alpen, irgendwo zwischen Kandersteg und Engadin. Das besondere an diesem Tal sind jedoch seine gefährlichen Winde. Sie sind noch viel schlimmer als im Wallis, zum Beispiel in Ulrichen, wo man auf dem Weg zum Nufenenpass durchkommt. Wir haben es selber erleben dürfen das dort der Wind so stark weht, dass es einen fast vom Velo (Fahrrad) oder Töff (Motorrad) schmeisst. In dem Tal, von dem ich erzählen möchte, sind bis heute, in unsere Tage diese intensiven Winde noch gefährlicher, da mit ihnen oftmals dramatische Wettereinbrüche verbundenen sind. Innerhalb von kürzester Zeit kann sich dort das Wetter vollständig verändern. War eben noch ein schöner Sommertag, der den Wanderer einlud die Berge und Wälder zu durchstreifen, konnte ihm dieses eine halbe Stunde später schon zum Verhängnis werden. Plötzlich nimmt der Wind zu, die Regenwolken ziehen in kürzester Zeit auf und innert kürzester Zeit geht ein Unwetter los das einen bis auf die Knochen durchnässt und die Orientierung verlieren lässt.

Im Winter sind diese Wetterumschwünge natürlich noch verheerender, da es dann einen Schneesturm gibt. In den Tagen unserer Vorväter sind in diesem Abschnitt der Alpen immer wieder Bergwanderer und Skifahrer umgekommen. Sie wurden vom Wetter überrascht und konnten sich nicht mehr schnell genug in Sicherheit bringen. Zumeist fanden sie einfach nicht mehr schnell genug aus dem Tal heraus. Und da es in diesem Tal keine Berghütte und Einwohner gab, sind sie dort erfroren. Einige ältere Bergwanderer, schon Pensionäre, die solch ein Unwetter überlebt haben, bauten dann in diesem Tal der Schweizer Berge eine Alpen-Hütte. Sie war gedacht als eine Notunterkunft, zu der die verirrten Wanderer in ihrer Verzweiflung finden konnten, und an der sie dann gute Aufnahme finden konnten. Da diese Hütte durchgängig bewirtschaftet wurde, konnten sie etwas zu essen bekommen, einen Tee, warmes Bett und die Mannschaft der Hütte freute sich über jeden der in der Not den Weg zu dieser Hütte fand. Zusätzlich stellte man überall in dem Tal gelbe Wegweiser zu der Hütte auf, damit die Wanderer auch schon in der Schön-Wetter-Phase wussten, dass es diese Rettungshütte gab. In den darauf folgenden Jahren konnte man vielen helfen, die in diesem Abschnitt der Berge in Not gerieten. Einige von diese Geretteten, blieben bei der Hütte und halfen ihrerseits mit, dass auch weiterhin Menschen gerettet und versorgt werden konnten. Diejenigen, die nicht dort blieben und wieder in ihre Heimatdörfer zurück gingen, machten diese Rettungs-Hütte überall bekannt. So kam es, dass auch an den schönen Tagen immer mehr Bergwanderer bei der Hütte einkehrten. Sonntag für Sonntag kamen immer mehr, zum Teil in Scharen zu der Hütte um einen Kaffee zu trinken und die Gemeinschaft mit den Männern auf der Rettungshütte zu geniessen. Durch diese Entwicklung kam es, dass mit den Jahren diese Berghütte mehr und mehr zu einerm beliebten Ausflugslokal wurde. Sonntag für Sonntag kamen viele Bergwanderer zu Kaffee und Kuchen auf die Hütte. Das Team von der Hütte entschied schliesslich, die Rettungshütte auszubauen. Eine neue grosse Küche musste installiert werden, in den Keller kam ein Kühlraum. Auch der Schankraum wurde modernisiert und die Aussenterrasse musste sowieso erweitert werden. Neben den Rettungs-Männern vom Hüttenteam, die unentgeltlich ihren Dienst taten, wurden eine Kellnerin und ein Koch eingestellt und der Betrieb wuchs durch die Mundpropaganda immer weiter.

Doch die Wetterunbeständigkeit war auch werterhin ein grosses Problem in dem Tal, so dass auch immer wieder Menschen gerettet werden mussten. Da jedoch auch in diesem Bereich das Komfortbedürfnisses gestiegenen war, wurde das einfache Matratzenlager durch schöne und komfortable Zimmer mit Dusche und WC ersetzt und wenn neue Gäste kamen fanden sie als Willkommens-Gruss ein Schoko-Herz auf den Kissen vor.Durch all diese Veränderungen verschob sich der Schwerpunkt der Tätigkeit auf der Hütte von einer Lebensrettungs-Gesellschaft hin zu einem Restaurations- und Hotelbetrieb, was einigen vom Hüttenteam starke Kopfschmerzen bereitete. Es war etwa zu dieser Zeit, als eine grosse ausländische Wandergruppe in dem Tal in Bedrängnis geriet. Sie waren mit dem Car (Reisebus) bis zum Eingang des Tales gefahren und einen schönen Wandertag machen wollen. Da sie jedoch völlig ungeübt waren, hatten sie sich völlig verlaufen und waren vom Unwetter überrascht worden.

Im strömenden Regen hatten sie bis zum Abend lediglich in die Rettungshütte gefunden. Dort war jetzt jeder Quadratmeter belegt. Im Restaurationsbetrieb lagen jetzt Matratzen auf dem Boden und die Zimmer waren sowieso alle mit Zusatzmatratzen ausgelegt worden, damit alle ein Nachtquartier fanden. Plötzlich hörte man fremde Stimmen in dieser Schweizer Hütte. Man konnte fremde Gerüche riechen und musste mit recht komischen Umgangsformen dieser Fremden klarkommen. In der schön hergerichteten Berghütte herrschte das vollständige Chaos. Bei der nächsten Mitgliederversammlung zwei Monate später war dieses Ereignis das vorherrschende Thema. Auf der einen Seite die, die sagten: Wir dürfen nicht den regulären Hüttenbetrieb (was meinte Restauration und Hotellerie) zugunsten solcher «Wanderidioten» vernachlässigen, denn wir brauchen die Einnahmen aus dem Betrieb und das Wohlwollen der Gönner unserer Arbeit um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten, um die Gehälter zu zahlen, die Baukredite zu tilgen und vieles mehr. Auf der anderen Seite dieser Parteiungen stand die verschindend kleine Minderheit, die die an die Herkunft der Hütte erinnerten, an den Rettungsauftrag und die Verantwortung für die Verlorenen, an die Dringlichkeit des Auftrags. Da man aber den Konflikt nicht bis zum bitteren Ende austragen wollte, suchte man eine schweizerische Konsenzlösung, die alle zufrieden stellen sollte.

Es muss doch möglich sein, dass es für alle stimmt – irgendwie, und fand auch so eine Lösung. Man stellte die besonders Eifrigen dieser Rettungsfraktion einfach an, denn Geld hatte man ja genug. Man machte einen Anstellungsvertrag mit ihnen ……… und schickte sie in das Nachbartal damit bei ihnen wieder Ruhe einkehrte. Sollen sie doch da weiter retten ! Schliesslich wehen da auch starke Winde, gib es auch dort Wettereinbrüche und werden sich auch dort Menschen verrirren. Sollen sie doch da ihrer Retterliebe ausleben und eine neue Rettungshütte bauen. Hauptsache hier herrscht wieder Ruhe und wir können uns unseren laufenden Betrieb widmen. Man hatte eine ganz elegante Lösung gefunden, die Retter konnten retten, die Beizer (Gastronomen) konnten ihren Wirtsbetrieb weiter ausbauen. Jedoch ohne diese Personengruppe der «Retter» trat der Rettungsgedanke «vom Wetter überraschter Wanderer» in der Hütte nun vollständig in den Hintergrund. Nein, es sagte niemand von ihnen:»wir wollen das Retten einstellen». So etwas traute sich keiner zu sagen. Nein, man hatte einfach die Aktivitäten und Prioritäten immer mehr und mehr in eine andere Richtung verschoben, so das für das Retten keine Recourcen (Zeit, Geld und Energie) zur Verfügung standen. Heute sind in diesem Tal die gelben Schilder zur Rettungshütte verfallen und dadurch finden vom Regen, Wind und Schneesturm überraschte Wanderer in ihrer Not den Weg zu der Rettungshütte nicht mehr. Immer wieder hört man ganz gruselige Geschichten verirrter und umgekommener Wanderer aus diesem Tal. ABER die Gastronomie und Hotellerie «du vent fou» laufen super.

Diese Geschichte ist ein Gleichnis für den Auftrag, den Jesus seiner Kirche gab. Ein Ort der Rettung und Wiederherstellung u sein. So ist es seinerzeit in unserer Kirchen – DNA verankert worden. Aber die Kirche, das sind einzelne Menschen. Einigen geht die Notlage der Mitmenschen so sehr zu Herzen, dass sie bereit sind zu helfen. Es sind die, die ihr Leben danach ausrichten für solche Bedürftige bereit zu sein. Sie errichten ihre Hütten an den Stellen, an denen sich die Menschen verlaufen, an denen sie in Schwierigkeiten geraten. An diesen Wegkreuzungen des Lebens haben sie ihre Rettungshütten aufgeschlagen und lauern auf die Gelegenheiten die Gott ihnen gibt. So etwas kann man schwerlich Evangelisieren nennen. Nein, sie haben die Auffassung, der Herr sendet ihnen solche Gestrauchelten über den Weg. Und Gott schenkt ihnen diese Gelegenheiten, weil diese Gefallenen und Zerbrochenen auch sein grösstes Anliegen sind. Und auch meine Erfahrung ist es: sie kommen.

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